Schreiben & Journalismus

Morgenseiten: Besser, routinierter und kreativer schreiben

Morgenseiten

Texte zu schreiben kann manchmal ganz schön schwer sein. Man hat gerade noch einen guten Gedanken und schon ist er wieder weg. Die perfekte Formulierung muss sofort festgehalten werden, ehe sie wieder vergessen ist. Und wenn dann endlich alle Gedanken gesammelt aufgeschrieben sind, merkt man, dass die Sortierung einfach gar nicht passt.

Und wohl jeder von uns, der Texte verfassen muss, kennt größere oder auch kleinere Schreibblockaden. Früher lief das Schreiben so gut, doch jetzt stockt es irgendwie. Wir haben plötzlich Angst vor dem unbeschriebenen Blatt. Wir trauen uns nicht, einfach mal drauflos zu schreiben. Uns begleitet die Angst, nicht „gut genug“ zu schreiben. Wir lesen Bücher über das Schreiben, aber schreiben nicht. Erkennen Sie sich wieder?

In ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“* empfiehlt Julia Cameron die sogenannten „Morgenseiten“, um kreativer zu werden. Ich kann ihr da nur zustimmen. Wieder und wieder hilft mir dieses kleine Ritual am Morgen, kleinere oder auch größere Schreibblockaden zu überwinden. Und je länger ich an dieser Morgenroutine festhalte, desto mehr merke ich, dass sich mein Schreiben verbessert und ich kreativer werde.

 

Was sind Morgenseiten

Morgenseiten sind kurz gesagt ursprünglich drei Blätter in der Größe DIN A4, die einfach der Reihe nach mit dem vollgeschrieben werden, was einem so in den Sinn kommt. Dabei ist es wichtig, den inneren Zensor auszuschalten und einfach herunterzuschreiben, was einem so an Gedanken durch den Kopf geht. Oft sind es nur Bruchstücke von Sätzen, die sich auf den Morgenseiten finden. In den meisten Fällen sind es unzusammenhängende Texte. Manchmal sind es sogar nur Wortfetzen, die aneinandergereiht werden. Es kommt nicht auf den Inhalt an und auch weder auf Grammatik noch auf Rechtschreibung, sondern darauf, den Geist zu leeren. Mit den Morgenseiten hat man ein wunderbares Instrument, alle Gedanken in ein Gefäß auszuleeren und den Tag mit freiem Kopf zu starten.

 

Wann schreiben?

Morgenseiten heißen so, weil man sie eben am Morgen schreibt. Am besten direkt nach dem Aufwachen, wenn der Geist noch ein wenig im Traumland ist und der innere Zensor noch nicht aktiv ist. Schreiben Sie sie morgens, um den Kopf für den Tag frei zu bekommen. Alles, was Sie abends schreiben, gleicht eher einem Tagebuch, denn am Ende eines Tages ist Ihr Kopf auf Reflexion eingestellt. Drum schreiben Sie sie wirklich morgens, so haben Sie am meisten davon.

Wenn Sie das Gefühl haben, morgens sei keine Zeit dazu, haben Sie vielleicht recht. Ich hatte auch lange keine Zeit für meine Morgenseiten. Erst seit ich mir die Zeit dafür nehme, komme ich auch wirklich täglich dazu. Eine Zeit lang bin ich sogar jeden Morgen extra für meine Morgenseiten eine halbe Stunde früher aufgestanden, um sie wirklich schreiben zu können, ehe der Alltag hier anfängt. Wenn ich als absoluter Morgenmuffel das schaffen kann, dann schaffen Sie das sicher auch. Inzwischen schreibe ich meine Morgenseiten aber als allererstes, wenn ich mich an den Schreibtisch setze. Da ich im Homeoffice arbeite, sind damit die Morgenseiten neben meinem täglichen Weg ins Homeoffice ein Teil meiner Morgenroutine, um den Kopf von Familie und Kindern umzuschalten auf Arbeit und Produktivität.

 

Wo schreiben?

Ursprünglich sollten die Morgenseiten per Hand geschrieben werden, mit einem Stift auf einem Blatt Papier. Diese haptische Unterstützung regt die Kreativität am meisten an, vor allem, weil man heutzutage im Alltag eher selten längere Texte tatsächlich „zu Papier“ bringt. Schreiben Sie also gerne auf lose Blätter – oder legen Sie sich ein Notizbuch in A4 zu und schreiben Sie dort der Reihe nach die Seiten voll.

Ich persönlich schreibe aber trotzdem am liebsten digital. Ich kann so einfach meine Gedanken besser und schneller und effektiver festhalten. Nachdem ich einiges ausprobiert habe, bin ich inzwischen wieder bei 750words.com gelandet und schreibe dort jeden Morgen meine 750 Worte. Das sind vielleicht nur sehr grobe 3 Seiten, aber da ich meist mehr als das schreibe, bin ich damit zufrieden.

750words.com bietet mir den Freiraum, einfach drauflos zu schreiben, ohne Ablenkungen. Ich bekomme Badges für erfüllte Leistungen (ja, ich gebe es zu, Gamification ist wichtig für mich!) und es gibt sogenannte Monats-Challenges, an denen man teilnehmen kann. Man verpflichtet sich also, jeden Tag in dem entsprechenden Monat mindestens die erforderlichen 750 Worte zu schreiben. Außerdem bekomme ich jeden Morgen zum Aufstehen eine Mail zugeschickt mit der Erinnerung, dass ich noch schreiben muss, das hilft mir auch sehr, dran zu bleiben. Die Seite ist passwortgeschützt und, nun gut, auch das lässt sich umgehen, für mich ist das aber ausreichend Sicherheit. Ich kann die Texte vergangener Tage jederzeit wieder lesen, aber nicht mehr verändern. Und, ein Feature, das ich leider zu selten nutze: Ich kann sogenannte Metadaten eingeben. Damit kann ich z.B. jederzeit ein To do anlegen und das dann auch nachvollziehen. Oder ich kann damit tracken, wie das Wetter war an dem entsprechenden Tag oder wie viele Liter Kaffee ich getrunken habe.

 

Wie und was schreiben?

Schreiben Sie einfach drauflos, einfach genau das, was Ihnen in den Sinn kommt. Meine Seiten fangen oft an mit „Ich weiß heute gar nicht, was ich schreiben soll.“ und dann folgen viele viele Worte, die ich scheinbar doch zu schreiben wusste. Schreiben Sie und hören Sie erst dann auf, wenn die drei Seiten voll sind. Mehr als das schreiben dürfen Sie gerne, weniger jedoch nicht.

Kommen Sie beim Schreiben ins Stocken, schreiben Sie einfach nochmal „Ich weiß gar nicht, was ich noch schreiben soll“ – bei mir hilft das oft, die Gedanken wieder in Fluss zu bringen und den Text weiterzuschreiben. Stellen Sie Fragen, die Ihnen durch den Kopf gehen. Versuchen Sie nicht, Antworten darauf zu finden. Die Antworten kommen irgendwann. Schreiben Sie über Ihre Familie, über Ihren Hamster, über Ihre Arbeit. Einfach alles, was Ihnen gerade im Kopf an Gedanken herumschwirrt. Es gibt keine Vorgaben. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.

Manchmal kommen Ihnen während des Schreibens konkrete Ideen. Für Artikel. Für Texte. Für Ihr weiteres Vorgehen. Ein Plan. Was auch immer. Manchmal kommen konkrete Texte dabei raus. Manche meiner Artikel schreibe ich komplett in den Morgenseiten und muss danach lediglich noch ein wenig Ordnung und Struktur in den Gedankenfluss bringen, aber inhaltlich passen sie sehr gut.

Und noch was: Gerade an den Tagen, an denen Ihnen das Schreiben schwerfällt, an denen Sie wieder und wieder stocken, an denen Sie zum fünften Mal schreiben, dass Sie gar nicht wissen, was Sie schreiben sollen – an genau diesen Tagen dürfen Sie nicht aufgeben, denn an diesen Tagen kommen oft die wertvollsten Einsichten, wenn Sie einfach weiterschreiben, bis Ihre drei Seiten gefüllt sind.

 

Und wozu das Ganze?

Ziel der Morgenseiten ist es, den Kopf leerzuschreiben von allen Gedanken, die darin herumspuken. Auf diese Weise können Sie Ihre Gedanken loswerden und an einem festen Ort festhalten, wo Sie sie auf jeden Fall auch noch einmal wiederfinden würden, wenn Sie danach suchen. Sie werden Gedanken an einem sicheren Ort los, gerade wenn Sie sich wieder und wieder mit ihnen herumgequält haben. Meine Morgenseiten drehen sich oft mehrere Tage lang um genau das gleiche Thema, wenn mich etwas immer wieder beschäftigt. Ich werfe diese Gedanken für diesen einen Tag dort ab und habe dann den Kopf frei, um mich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Morgenseiten helfen auch dabei, Gedanken besser fixieren zu können. Oft denkt man so schnell und in Fetzen, dass es einem gar nicht recht gelingen will, einen einzelnen Gedanken beim Vorbeihuschen festzuhalten. Da sind die Morgenseiten eine gute Übung.

Durch das Festhalten Ihres Gedankenstroms schaffen Sie es auch, Ideen zu sammeln und Prioritäten zu finden. Sie werden merken, welche Gedanken wichtig sind, welche weiterverfolgt werden können oder müssen und welche Gedanken Sie einfach auf Ihren Morgenseiten deponieren können ohne weitere Gedanken daran zu verschwenden.

Nicht zuletzt üben Sie sich durch die täglichen Morgenseiten im Schreiben. Nicht nur allein im schnellen Tippen, sondern auch im Schreiben von Texten. Auch wenn Sie das Gefühl haben, keinen sinnvollen Text zustande zu bringen, das tägliche Schreiben und das schriftliche Gedankensortieren helfen Ihnen dabei, Ihre Gedanken auch im Alltag besser sortieren zu können und das hilft Ihnen dabei, besser und mit mehr Routine Texte zu verfassen.

 

Für mich persönlich sind die Morgenseiten mein absoluter Kreativitätsbooster. Sie sind meine ganz persönliche Form der morgendlichen Meditation. Ich liebe es, die Seite 750words.com aufzurufen, mich einzuloggen und loszuschreiben. Ich liebe es, meine Gedanken dort abzuwerfen, sie loszulassen und in meinem ganz persönlichen Denkarium zu sammeln. Ich liebe es, danach mit freiem Kopf an die Arbeit zu gehen und zu spüren, wie sich die Gedanken, die ich dann zu Texten formuliere, frei und unbeschwert in meinem Kopf ausbreiten können. Ich liebe es, noch einmal zurücklesen zu können an bestimmte Tage und zu sehen, wie sich die Probleme, die damals groß und unüberwindlich erschienen, inzwischen aufgelöst haben, was mir bei neuen, scheinbar unüberwindlichen Problemen weiterhilft und mir Zuversicht gibt. Vielleicht versuchen Sie es ja auch mal eine Weile mit den Morgenseiten und schauen einfach mal, was passiert? Ich kann es Ihnen nur empfehlen und bin gespannt auf Ihre Erfahrungen.

Bianka Bensch
Bianka Bensch betreut Firmenkunden im Bereich Social Media und arbeitet darüber hinaus als freiberufliche Lektorin. Als langjährige Bloggerin, Social Media Managerin und Journalistin schreibt sie auf DMM zu den Themen Onlinejournalismus (im weiteren Sinne auch Blogs) und Social Media.
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